.

Der Platz neben Ihr blieb frei | Kurzgeschichte

Der Platz neben ihr blieb frei. Kurzgeschichte. Eine ergreifende Geschichte von Bord der MS Amadea. Lesen Sie hier kostenlos weitere Kurzgeschichten, aus dem Leben des in Österreich geborenen Autors und Malers unter: http://www.alois-steiner.de


Heute war ein ganz normaler Seetag. Das Wetter wie immer. Um sieben Uhr früh, 27°. Keine besonderen Vorkommnisse.
Wie schon oft, gingen wir irgendwann während der Mittagszeit zu Tisch, um eine Kleinigkeit zu uns zu nehmen.
Wir setzten uns an einem Tisch dazu, an dem schon eine alte Dame saß. Sie hatte einen Teller mit Salat und ein Glas Apfelsaft vor sich stehen, was eigentlich nicht verwunderlich sein sollte.
An dem noch freien Platz zu ihrer rechten Seite, stand auch ein gefülltes Glas. Daneben lag ein Brillenetui.
Wir gingen los und suchten uns am Buffet unsere Speisen zusammen. Am Tisch zurückgekehrt, schaute ich mir unser Gegenüber etwas näher an. Die Frau schätzte ich etwas über achtzig, gepflegte Erscheinung, schweigsam.
In ihrem Gesicht spiegelte sich eine gewisse Traurigkeit wider, welches sich manchmal durch ein spitzbübisches Lächeln abzuwechseln schien. Eigentlich hätte ihre Begleitung schon längst auftauchen müssen.

Der Platz neben ihr blieb aber leer.


In der Zeit, wo wir mit dem Essenholen beschäftigt waren, leerte sie das Glas ihrer Phantombegleitung zur Hälfte und ließ es in unserem Beisein wieder auffüllen. Auch als wir uns verabschiedeten, war  von ihrem Partner, weit und breit nichts zu sehen.


Ich sah die Frau schon mehrmals,  konnte mich aber nicht daran erinnern, sie jemals mit Begleitung angetroffen zu haben.
Immer wieder geisterte die skurrile Szene in meinem Kopf herum.
Ich nahm mir fest vor, in Zukunft darauf zu achten, in welcher Begleitung sie das Nächste mal erscheinen wird.
26022015_In_Auckland_an_Bord_Alois-Steiner_800An diesem Abend war wieder einmal Galadinner angesagt.

Es ist einfach nicht mein Ding, sich im Anzug und noch dazu mit Schlips zu präsentieren. Dafür gibt es leider genug Männer, die sich mit voller Inbrunst exhibitionieren, obwohl es oft besser wäre, sich zu verstecken und sich nicht wohlwissentlich in den Vordergrund zu schieben, wo der Abgrund doch angesagter wäre.
Was soll's. Pflicht ist Pflicht. Vor allem, wenn man eine Kreuzfahrt in der Klasse macht, dann gehört ein Galaabend einfach dazu. Schließlich wurde man darüber auch schriftlich informiert.
Mit einem Glas Kir-Royal in der Einen, meine Frau an der Anderen, ging es feierlich in den dafür extra eingedeckten Speisesaal.
Unser Platz hatte den Vorteil, dass man alles was sich bewegte, ungeniert beobachten konnte. So bemerkte ich auch sofort meine alte Dame.
Sie trug ein wunderbares langes Abendkleid, was ihr übrigens ausgezeichnet stand. Um ihre Schulter wehte verspielt, ein farblich perfekt abgestimmtes Seidentuch. Mit, man könnte meinen, einstudierten Schritten, steuerte sie zielstrebig und doch mit einer aufreizenden Gelassenheit, auf ihrem Platz zu. Ich war nicht überrascht, wieder ohne Begleitung.
Im Laufe der Feierlichkeit wurde auch das gesamte Küchenpersonal vorgestellt, unter der Federführung eines österreichischen Haubenkoches, Herrn Fritz Pichler .
Nach dem Dinner gingen wir noch in die Atlantik-Lounge, und wollten uns als krönenden Abschluss, noch die Show vom Amadea Ensemble anschauen.
Damit wir noch einen guten Platz bekamen, hielten wir uns nach dem Essen nicht lange auf, und fanden noch vier freie Plätze in der ersten Reihe. Wer kam zur selben Zeit an, meine alte Dame, allein, mit einem verschmitzten Lächeln in ihrem Gesicht, nahm sie neben mir Platz. An der Seite von meiner Frau bildete Herr Wilder den Abschluss.
Nachdem die Getränkefrage geklärt war, und wir uns gegenseitig zuprosteten, begann ich eine zwanglose Unterhaltung mit meiner Nachbarin.
Ich konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, dass sie den Kontakt zu uns gesucht hatte.

Ich musste meine Indiskretion zügeln um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.
Raiatea französisch PolynesienSo sprachen wir zu Beginn ganz allgemein über die Amadea, diversen Landausflügen, die schönen Inseln und das herrliche Wetter. Und natürlich über das hervorragende Essen an Bord.

Ich versuchte so höflich und gleichzeitig desinteressiert wie möglich, meine, mir seit Stunden auf der Zunge brennende Frage loszuwerden. Da öffnete sich mein Nebenan mit einer erstaunlichen Belanglosigkeit, das dies ihre erste Kreuzfahrt, ohne ihren bereits vor zwei Jahren verstorbenen Mann sei.


Ich war überrascht, schämte mich aber zugleich, weil ich in diesem Moment das Gefühl hatte, dass sie mich schon lange durchschaut hatte, und ich sie durch meine nicht ausgesprochene Neugierde, in die Enge getrieben hätte.
Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, legte sie behutsam ihre schon welke, aber sehr angenehm anfühlende Hand, auf die meine.

Mich durchzuckte ein greller Blitz, als ob ein glühend heißer Stab, mit Eis ummantelt, durch meine Blutbahn geschossen wurde. Zum Glück hatte mein Gehirn die Muskeln entkoppelt, sodass sich die Reaktion nur in meinem Kopf abspielte.

Hätte in diesem Moment tatsächlich eine Verbindung bestanden, wäre ich wahrscheinlich vor lauter Schreck hochgesprungen. Es war, als ob ich die Hand meiner Mutter halte, und ich von ihr damals, kurz vor ihrem Tod, Abschied nahm.

.05.03.2015_Auf_Aitutaki_ist_alles_anders_alois-steiner.de_800  Moorea/ französisch Polynesien  Raiatea französisch Polynesien


Ich kam mir vor wie ein kleines Kind, was eben von seiner Mutter getröstet worden ist.
Was mir die alte Dame anschließend offenbarte, hatte mich keineswegs mehr überrascht, ganz im Gegenteil, es deckte sich mit meiner Vermutung und meiner ausgeprägten Phantasie.
Ihr verstorbener Mann, ist auch heute noch bei jeder Reise anwesend.

Powered by Papoo 2012
50357 Besucher