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Die fliegende Java-Kiste | Kurzgeschichte

Kurzgeschichte von Alois Steiner: Die fliegende Java-Kiste. Lesen Sie kostenlos weitere Kurzgeschichten aus dem Leben des in Österreich geborenen Autors und Malers unter http://www.alois-steiner.de

Eines Tages saßen wir, d.h. meine Mutter und meine beiden Geschwister, gerade gemütlich bei Tisch zusammen, als mein Vater die Szene betrat. Er war noch in voller Biker - Montur und baute sich demonstrativ vor uns auf. Hmmh ... dachten wir uns, da kommt jetzt bestimmt wieder etwas Interessantes auf uns zu.

Früher, ja da war es noch einfach, man brauchte sich nur seinen Kleppermantel anschauen und sah sofort, was geschehen war und er uns gleich erzählen würde. Meistens hatte er sich einen neuen Bremsplatten eingefahren.
Manchmal war es nur ein Reh, sagte er. Aber auch ein Hirsch forderte ihn nach seinen Erzählungen schon das ein oder andere mal zum Duell heraus. Danach hatte sein Semperitmantel, der auch Matsch - und schneetauglich war, eine Asphaltberührung mehr zu verzeichnen. Auch die ein oder andere Fahrbahnmarkierung mischte sich im Laufe der Zeit dazwischen.

Er pflegte sie wie Tapferkeitsmedaillen. Irgendwie hatte er auch damit recht. Es war doch seine Leidenschaft, das Mopedfahren meine ich natürlich.
 Aber diesmal war es anders. Weder qualmte er, noch roch es nach verbranntem Gummi, die das Abenteuer der Straße widerspiegelte. Und das war ungewöhnlich. Er strahlte sogar übers ganze Gesicht. Ich fragte ihn, ob er diesmal mit einem Bären zusammengestoßen sei. Ich war immerhin schon sechzehn, da durfte ich schließlich neugierig nachfragen.
 Da er schwerhörig und noch dazu seinen Helm aufhatte, hatte er auch sein Hörgerät nicht angeschlossen. Infolgedessen verfehlte der Witz sein Ziel. So lachten wir eben ohne ihn. Das mochte er partout nicht, aber selbst das störte ihn diesmal nicht. Von seinem Luis Trenker Gedächtnisrucksack, den er noch um hatte, entledigte er sich mit einer geschmeidigen Bewegung und warf ihn nach Wilddiebmanier, stolz vor unsere Füße.
Hatte er nun doch einen Bären überfahren und im Rucksack verstaut? Meistens versuchte er uns denselben, immer an die Nase zu binden.
 Plötzlich setzte sich der Rucksack jaulend in Bewegung und rutschte dabei über den frisch gewienerten Linoleumboden. Da wir uns vor lauter Schreck nicht schleunigst über die Beute hermachten, schubste er ihn mit der Stiefelspitze näher an uns ran.

 Meine Mutter war die Erste, die sich aus der kollektiven Schockstarre löste und bückte sich, um das unheimliche Etwas näher in Augenschein zu nehmen.
 Mein Vater hatte in der Zwischenzeit seine Siegerpose eingenommen und war für die ihn zu erwartenden Huldigungen bereit. Ein mildes Lächeln entsprang seinen Mundwinkeln, als ein kleines flauschiges Häuflein Fell aus dem Rucksack befreit und als Hund in den Armen meiner Mutter lag.

 Sechs Kinderhände stürzten sich jetzt über das lebende Fellknäuel und streichelten es zur Begrüßung erst einmal richtig platt. Er sollte auch gleich wissen, dass wir ihn gernhaben.
 Es war ein kleiner Schäferhund, was haben wir uns gefreut. Unsere Freude wurde durch einen lauten Fluch von meinem Vater, jäh unterbrochen. Der Kleine hatte in seinen Rucksack seine Notdurft verrichtet. Jetzt traute sich keiner mehr, ungehemmt seiner momentanen Erheiterung freien Lauf zu lassen. Jeder drehte sich geflissentlich in eine andere Richtung, um dem Sonar des Familienoberhauptes zu entgehen. Meine Mutter musste plötzlich und aus unerfindlichen Gründen ins Schlafzimmer. Und nun stand ich mit dem Hund auf dem Arm im Raum. Wir Drei waren nun mit unserer überschäumenden Schadenfreude schutzlos den möglichen Folgen ausgeliefert.
 Aber auch diesmal ward unser Ernährer milde gestimmt und ließ sich sogar zu einem Lächeln herab. Für uns kam die willkommene Mimikveränderung gerade noch zur rechten Zeit. Und so konnten wir alle, ungestraft und aus vollem Hals loslachen. Doch bald stand die Frage im Raum, was wir mit einem Hund sollten, wir durften doch gar keine Haustiere halten. Der Hund, verkündete mein Vater, sollte so schnell wie möglich in die Untersteiermark, zu Tante Martha. Gerade zu denen, das durfte doch nicht wahr sein.
Jeglicher Protest wurde im Keim erstickt.

Am nächsten Morgen war es so weit. Mein Vater hatte dafür schon die notwendigen Vorbereitungen getroffen und eine Kiste zurechtgezimmert. Und zwar aus den Resten einer Obststeige.
Der Boden war mit Holzwolle ausgefüllt. »Da hat er es weich«, sagte mein Vater und stopfte den Kleinen durch die Lücke und legte das letzte Brett darauf. Mit ein paar präzisen Hammerschlägen wurden die übrigen 100er Nägel versenkt. Kurze Zeit später standen wir abfahrbereit am Moped und beförderten die lebende Javakiste gen Süden.
 Mein Vater hatte sich einige Monate zuvor, die Sissy Lohner gekauft. Dieses Moped war schon mehr ein Motorroller und hatte erheblich kleinere Räder als ihr Vorgänger, die Puch. Dafür hatte es eine Sitzbank und war offiziell ein Zweisitzer. Die Kiste mitsamt Hund wurde lieblos aber transpostsicher auf dem Gepäckträger festgezurrt. Die Sitzverteilung ergab sich wie folgt: Am Lenker hatte logischerweise mein Vater Platz genommen. Eng an seinem breiten Gummirücken gepresst kam ich. Etwas tiefer und weiter hinten, die fachgerecht vernagelte Kiste mit dem Hund.
 Das Moped erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h. Das war für damalige Verhältnisse ganz flott. Mein Vater war durch die schwere Arbeit am Hochofen kein Spackomat, mit seinem Gummimantel jedoch, der ihm das Aussehen von Darth Vader aus Star Wars verlieh, wirkte ich hinter ihm, wie ein Zwerg oder ein Rucksack. Und so fühlte ich mich auch auf der viel zu kurzen Sitzbank. Ich klebte förmlich hinten drauf.
Obwohl wie ich schon erwähnte, mein Vater schwerhörig war, suchte er immer und gerade während der Fahrt, die fröhliche Unterhaltung und erzählte mir die belanglosesten Sachen, die absolut keinen Menschen interessierten.
Dass er sich jedes Mal zu mir umdrehte, fand ich schon nicht besonders lustig. Aber das sich dabei auch noch sein Mückenschutz, mit dem er übrigens aussah wie ein Taucher, dem sein Sichtglas abhandengekommen war, von den aufgestauten Körperflüssigkeiten entledigte, war äußerst unangenehm. Die zum größten Teil aus seiner immerfort triefenden Nase stammten. Zu meinem Entsetzen lenkte er sein Gefährt dann immer in die Richtung, in der sich gerade sein Kopf drehte. Wenn allerdings der Naseninhalt heftigen Widerstand leistete, was nicht selten vorkam, setzte er zur Hilfe seinen Daumen an. Dann gab es kein Halten mehr. Um aber mit dieser Methode einen optimalen Erfolg zu erzielen, musste er den Kopf gleichzeitig stark zur Seite neigen.
 Einmal hatte ich seine Bewegung falsch gedeutet und dachte, dass er mir etwas erklären wollte. Als ich mich ihm entgegenstreckte, um das vorne Gesprochene besser zu verstehen, klatschte mir seine »Mitteilung« voll ins Gesicht. Ich verzichtete für die nächste Stunde auf weitere Depeschen.
 Es musste kurz vor Frohnleiten gewesen sein, als eine kleine Steigung den 0.5 PS Motor fast in die Knie zwang. Ich machte mich schon für einen Absprung bereit, als mein Vater beide Beine ausfuhr um mit filmreifen Paddelbewegungen das Gefährt in Bewegung zu halten. Unter Ausnutzung der ganzen Straßenbreite quälten wir uns serpentinenartig den Berg hoch. Dementsprechend langsam kamen wir voran, sodass mir mein Vater ohne störende Nebengeräusche und artistische Verrenkungen mitteilen konnte, dass es gleich bergab gehe und ich mich an ihm festhalten sollte. Ich ruckelte mich zurecht und überprüfte die Anwesenheit der Kiste. Alles klar, es konnte losgehen. Allmählich nahmen wir Fahrt auf. Um den Windwiderstand zu verringern, duckte sich mein Vater über den Lenker, was zur Folge hatte, dass sein Gesäß nach hinten rutschte und meinen sowieso schon knapp bemessenen Platz halbierte. Mich hielten zum Glück die hervorstehenden Nägel aus der Javakiste, vor weiteren Gebietsverlust. Der Hund fand das ziemlich lustig und schnappte herzerfrischend nach meinem auf und ab wippendem Hinterteil, welches durch den Spalt in die Kiste hineinragte.
 Jetzt war kein Spielraum für unnötige Depeschen und anderen Firlefanz, nun war allerhöchste Konzentration angesagt. Ich glaubte einen Knall gehört zu haben und im selben Moment ließ der Fahrkomfort schlagartig nach. Wie eine Peitsche schnellte mein Vater in die gerade Sitzposition. Mit schreckgeweiteten Augen sah ich, wie seine Arme von einer gewaltigen Urkraft durchgeschüttelt wurden. Je langsamer wir fuhren, umso heftiger wurden die Schläge. Mein Vater brüllte zu mir nach hinten »A Bodschn, Himml Oasch und Zwirn«. Mir war schlagartig klar, diesmal steigen wir nicht wie gewohnt vom Moped.
Langsam und widerwillig, dennoch unaufhaltsam, löste sich mein Vater vom Lenker. Sein Körper versuchte dem Mantel vorauszueilen, doch der stand zu seinem Mann und folgte ihm leicht flatternd nach kurzem Zögern. Ich beobachtete jetzt mit barrierefreien Blick nach vorne, wie das Gummigeschoss mit seiner weißen abgerundeten Spitze, an Vortrieb verlor und sich in die Wurfparabel begab. Im nächsten Augenblick erfolgte der erste Bodenkontakt. Ich biss aus Kameradschaftlichkeit, Augen und Zähne zusammen. Ein lautes Quietschen, eine Rauchwolke wie die eines Lkws bei einer Vollbremsung, und das Projektil hob sich wieder vom Boden ab. Erst nach dem dritten Landungsversuch griff endlich die Stotterbremse. Ich folgte in etwa seiner Flugbahn, konnte aber aufgrund des Gummiqualms meinen Landeplatz nicht ausmachen. Jetzt war er aber deutlich sichtbar, er lag rauchend vor mir, mein Vater. Die Bodenmarkierung auf seinem Rücken, was eine ehemalige Rechtsabbiegerspur andeutete, wies mir die Richtung. Ich versuchte noch, das Ruder hochzureißen, vergeblich. Meine schon vorher schwer lädierte Nase dockte exakt den Punkt zwischen seinen Schulterblättern an. Das war der zweite Nasenbeinbruch innerhalb eines Monats. Wo ist eigentlich die Kiste? Ich hatte den Satz noch nicht zu Ende gedacht, da kriegte ich die fliegende Javakiste schon um die Ohren gedroschen.
 Mein Vater war der Erste, der wieder auf eigenen Beinen stand. Sein Gesicht konnte ich erst wieder erkennen, als der Qualm sich gelegt hatte. Wir beide, die Kiste und ich, befanden uns noch in einer Liaison mit seinem Gummimantel und rutschen an ihm langsam runter. Besorgt hob mich hoch und drückte mich an seinem noch rauchenden Mantel. Als er sah, dass ich außer einer platten Nase keine weiteren Gebrechen hatte, kümmerte er sich rührend um den Hund.
 Die Javakiste hatte sich durch den Sturz parallel verschoben und war fast so flach wie eine Flunder. Der Hund, der noch keinen Namen hatte und wie ein verloren gegangener Fellhandschuh zwischen den Brettern eingeklemmt war, kotzte was das Zeug hielt. Ich konnte nicht erkennen, wo bei ihm oben oder unten war. Mein Vater anscheinend auch nicht. Er hob die Kiste hoch und rammte die spitze Seite in den Asphalt, sodass sie fast wieder die Form eines Würfels hatte. Für die Feinarbeit steckte er seine Fußspitze in die Kiste um sie auf den Boden festzuhalten und drückte das Ding wieder in Form.
 Nach vier Stunden weiteren war es wieder so weit, wir konnten die Fahrt fortsetzen. Durch die unaufhörlich ausbreitende Schwellung konnte ich bei unserer Ankunft die Umgebung nur noch durch kleine Sehschlitze wahrnehmen. Ich hatte nichts vermisst. Auf unserer Heimfahrt war es mir auch völlig egal, ob mir mein Vater eine Depesche ins Gesicht schleuderte oder nicht.

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