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Elbe-Oder-Tour 2017

Wenn die Sonne die Außenhaut nicht so aufgeheizt hätte, wäre ich vermutlich erst gegen Mittag ....

 

Auf dem Oderradweg

 Wenn die Sonne die Außenhaut nicht so aufgeheizt hätte, wäre ich vermutlich erst gegen Mittag aus meinem Zelt gekrochen. Deshalb suchte ich nach der Morgentoilette schnell meine Klamotten zusammen und losging es, Richtung polnische Grenze.

 In Ramin, nach einer knappen Radstunde bei strahlenden Sonnenschein und wolkenlosen Himmel unterwegs, verlor ich kurzfristig die05.06.2017-Elbe-Oder-Tour-2017 800x450_www.luis-steiner.de Orientierung. Weil mich das Navi zum wiederholten Male genarrt hatte. Diesmal fand ich schnell wieder die alte Spur. Ich bewegte mich auf den einsamsten Wegen, die mich quer durch die schöne Landschaft begleiteten. Leider hatte ich die Erfahrung gemacht, dass nach Einsamkeit, meist das Ende des Weges nicht lange mehr auf sich warten ließ. Und so ähnlich kam es dann auch.
 Erst war der Weg glatt asphaltiert, dann gab es nur noch zwei Streifen aus Betonplatten. Die sich zuletzt ins Nirvana verflüchtigten. Übrig blieb ein einigermaßen festgefahrener Weg, der mit einigen Wasserpfützen überraschte. Die schließlich so tief wurden, das ich darin mit den Pedalen wechselweise eintauchte. Es war kräftezehrend und nervig.
 Endlich kam ich wieder auf festen Belag. Und zu meiner Freude ging es sogar etwas bergab. Die allerdings war nur von kurzer Dauer. Vor mir erschien wie aus heiteren Himmel eine Sandkuhle. Ich konnte noch die Geschwindigkeit drosseln, kam aber nicht mehr rechtzeitig zum Stehen.
 In dem Augenblick, als das Vorderrad den ersten Kontakt mit dem sandigen Untergrund aufnahm, verweigerte es seinen Dienst. Um ein plötzliches Blockieren des Vorderrades zu vereiteln, verlagerte ich mein Gewicht weit nach hinten. Was aber meine nicht mehr zu verhindernde Sturzparabel um ein Wesentliches vergrößerte. Da ich mich am Lenker festklammerte, bauten sich ungeahnte Zentrifugalkräfte auf, die sich letztendlich in eine außer Kontrolle geratene Zunahme der Beschleunigung entluden. Ich schlug wie das Ende einer Peitsche zu Boden. Das Dumme daran war nur, dass mein Rad mir die absolute Treue hielt, und sofort hinterher eilte. Und dabei hatte sich die linke Pedale mit meinem Unterschenkel verbrüdert.
 Nachdem sich die Staubwolke, die durch meine Aktion aufgewühlt wurde, gelegt hatte, sorgte ich für klare Sichtverhältnisse indem ich meine Augen vom Sand befreite. Das ich zu der Zeit noch den Mund voll mit erlesenen Sedimenten aus dem Überschwemmungsgebiet hatte, wurde erst klar, als ich einen Schluck aus der Flasche nehmen wollte. Dem Rad war nichts passiert, sogar die Taschen blieben diesmal vor den sonst üblichen Beschädigungen verschont.
 05.06.2017-Elbe-Oder-Tour-2017 800x450_www.luis-steiner.deAls ich mich davon überzeugt hatte, dass weit und breit kein Mensch zu sehen ist, stellte ich mich zur Rede. Kurzfristig kam etwas wie Einsicht auf, um gleich wieder vergnügt weiter zu radeln. Als Trostpflaster durfte ich eine Hirschkuh beim Äsen beobachten, die sich von mir nicht stören ließ.
 Am Dammsee legte ich eine kurze Pause ein. Da bemerkte ich, dass ich meine akrobatische Einlage doch nicht ganz schadlos überstanden hatte. Meine linke Wade hatte nämlich beträchtlich an Umfang zugenommen.
 Nach etlichen Kilometern auf einer sehr stark befahrenen Bundesstraße ohne Radweg, kam ich in der Mittagszeit endlich in Gartz an der Oder an. Da wusste ich, jetzt beginnt eine neue Ära. Es zog mich buchstäblich ans Wasser, an die Oder!
 An einem Imbiss, dessen Terrasse über das Ufer hinausragte, nahm ich mein Frühstück und im Anschluss auch mein Mittagessen ein. Für mich hatte sich in dem Augenblick bereits ein Großteil meines Traumes erfüllt. Ich hatte das erreicht, was ich erreichen wollte. Nämlich an die Oder zu kommen.
 Jetzt hieß es für mich, nur noch den Oderradweg zu finden und dem zu folgen. Man konnte ihn ja praktisch gar nicht verfehlen. Ich schaffte es ohne Anlauf mühelos.
 An das kühle Hefeweizen konnte ich mich nur noch schemenhaft erinnern, als die ersten Zweifel in mir laut wurden, ob das wahrhaftig der Radweg sein sollte, auf dem ich mich seit geraumer Zeit befand. Erstens war vom stillen Fluss nichts mehr zu sehen, und dazu kamen die vielen Autos. Von einem Radweg keine Spur mehr. Es wurde mir zu bunt. Ich hielt auf dicht befahrenen Straße an und befragte mein Navi.

 Jetzt erst vernahm ich deutlich die Stimme, die mich unaufhörlich aufforderte, bei nächster Gelegenheit zu wenden. Sie klang schon leicht aggressiv. Um unsere Meinungsverschiedenheit nicht vollends eskalieren zu lassen, gab ich nach und kehrte um. Beim Runterzählen wurde ihre Stimme allmählich wieder sanfter, und endete mit dem Satz:
„Sie befinden sich wieder auf der Route, die Navigation wird fortgesetzt." Um weiteren Streitigkeiten aus dem Wege zu gehen, schaltete ich das Navi aus. Ich wusste ja, wo ich entlangfahren musste. Offenbar doch nicht. Nicht mal 5 Kilometer konnte ich die Stille der Natur neben der Oder genießen, da fand ich mich auf der B2 wieder. Zum Glück mit Radweg. Ich überlegte ganz kurz, wann ich das letzte Mal in einem echten Bett geschlafen hatte - in Rostock, und das war vor vier Tagen. Ich meldete mich per online im centra Hotel von Schwedt an, wo ich eine Stunde später eintraf.
 Vor dem Hotel standen etliche Leute in Festtagskleidung, die vermutlich zu der Hochzeitsgesellschaft im Saal gehörten, aus der Tanzmusik zu hören war. Die Dame an der Rezeption bat mich, das zu entschuldigen und empfahl mir, wenn ich heute noch etwas essen wollte, das Restaurant im Aquarium zu besuchen. Ich empfand die Musik nicht als störend, im Gegenteil.
 Mein Rad konnte ich in einem abschließbaren Raum unterbringen. Nachdem ich das übliche Prozedere wie duschen, Wäsche waschen, usw. erledigt hatte, ging ich die paar Schritte über die Straße zum Aquarium. Wie der Name schon vermuten ließ, handelte es sich um ein Freizeit-und Erlebnisbad mit Restaurant.
 Die Bedienung kam aus dem Ruhrpott. Sie verriet mir auch, dass sie der Liebe wegen nach Schwedt gezogen sei. Nach dem hervorragenden Essen gönnte ich mir zum krönenden Abschluss neben dem Dessert auch ein Glas Rosé.
 Ich hatte tief und gut geschlafen. Von der Feier hatte ich nichts mehr mitbekommen. Ich war am nächsten Morgen schon kurz nach Sieben zum Frühstücken. Gleich darauf fuhr ich schon die breite Lindenallee entlang und schoß meine ersten Fotos. Eines vom Berilschky-Pavillon. Und bevor ich auf den Oderradweg kam, noch ein Bild von der Uckermärkischen Bühne Schwedt. Hier überquerte ich die Oder und fuhr an der rechten Seite flussaufwärts. Der Radweg war sehr gut ausgebaut und ich kam zügig voran. Der Wind meinte es noch gut mit mir, was sich nach zwei Stunden unwiderruflich ändern sollte.
 Mir fiel auf, dass nur einer von zehn Radlern in meine Richtung fuhr.
06.06.2017-Elbe-Oder-Tour-2017 800x450_www.luis-steiner.deDiese Flusslandschaft an der Oder ist einmalig. Ich blieb oft stehen und ließ die Vielfalft, was die Natur vor mir ausbreitete, auf mich einwirken. Da störte mich selbst der Wind, der sich unterdessen gedreht hatte, herzlich wenig. Immer wieder konnte ich Seeadler beobachten. Mich zogen auch weniger bewegliche Statisten in ihrem Bann, wie beispielsweise Bäume, an denen unzählige Kugeln aus Blätter waren. Dann wieder waren es eine Wiese, auf dem ein Bauer mit seinem Tracker das frisch gemähte Gras wendete, und die Störche hinterherstolzierten, um sich an den aufgescheuchten Kleintieren zu laben.
05.06.2017-Elbe-Oder-Tour-2017 800x450_www.luis-steiner.de Ich merkte, wie mein Kopf schrittweise von jeglichen Gedankenmüll befreit wurde. Ein Gefühl der geistigen Schwerelosigkeit breitete sich in mir aus.

 Ein Baum, genauer gesagt, der kümmerliche Rest davon, zog mich besonders an. Ich stieg vom Rad, nahm meine Getränkeflasche aus der Halterung, und setzte mich ins Gras. Von der Deichkrone aus, wo sich der Radweg mit seiner grauen Spur durch die sattgrünen Auen wie eine Schlange bewegte, hatte ich einen unendlich weiten Blick über die Auen und dem stillen Fluß. Ich stellte mir vor, wie prächtig der Baum vor langer Zeit gewesen sein musste. Hatte bestimmt etliche Überschwemmungen und mehrere Kriege überlebt. Vielleicht starben an seinem Fuß auch Soldaten, die hinter ihm vergeblich Schutz vor dem Feind gesucht hatten. Und wahrscheinlich wurden ihm dabei so schwere Verletzungen zugefügt, dass er sich davon nicht mehr erholen konnte. Als er dann kränkelte und er nicht mehr das dichte Blattwerk den Vögeln bieten konnte, wandten sogar die sich von ihm ab. Und so vereinsamte er, der einst stolze und mächtige, der schon aus weiter Entfernung zu sehen war.
 Mit dem Schicksal des Baumes befasste ich mich noch einige Kilometer. Dann nahmen menschliche Bedürnisse wieder deren Platz ein und signalisierten mir unmissverständliche Hungergefühle. Eines der zahlreichen Schilder, die entlang des Radweges zu sehen waren, lud mich zu einer Rast nach fünf Kilometer ein. Ich nahm das Angebot dankend an. Bei den kleinen Gastwirtschaften, die sich auf das radelnde Volk spezialisiert hatten, wurde man freundlich bedient und reichlich verköstigt. Ich kehrte bei einer Speisewirtschaft ein.
 Meine Kalorien, die ich mir zuletzt beim Frühstück zugeführt hatte, waren längst verbrannt. Ein deftiges Bauernomelette war jetzt genau das Richtige. Dazu ein alkoholfreies Hefeweizen und ein fettes Dessert. 05.06.2017-Elbe-Oder-Tour-2017 800x450_www.luis-steiner.deSchließlich lagen noch etwas mehr als 30 Kilometer vor mir. Und der Gegenwind dachte nicht daran, auch nur eine Spur nachzulassen.
 Heute Morgen war mein Ziel der Campingplatz in Lebus, Bikers Inn genannt. Jetzt, wo ich mir den Magen vollgeschlagen hatte und genüsslich mit einem Löffelchen die letzten Reste meines Desserts aus dem Becher schabte, kamen leichte Zweifel auf. Obendrein sah es verdammt nach Gewitter aus.
 Mir kam, wie ich fand, eine grandiose Idee. Auch wenn sie nicht ganz ernst zu nehmen war. Frau Rusche die Wirtin, vermietete auch Zimmer inkl. Frühstück. Natürlich war es noch zu früh am Tag, sich schon auf die faule Haut zu legen, deswegen machte ich ihr den Vorschlag: Beförderung nach Frankfurt am nächsten Morgen, gegen meine Arbeitskraft. Sie lachte und meinte, „es ist auf dem Hof genug zu tun, da drüben die Wand muss unbedingt verputzt werden", und zeigte nach hinten, wo ein großes Stück von der Mauer abgeplatzt war. „Verputzen ist für mich kein Thema, wenn Sie das Werkzeug und Material haben. Ich arbeite heute für Sie einige Stunden und Sie oder Ihr Mann fahren mich morgen früh nach Frankfurt rein. Das wäre doch ein Deal, oder?" Vielleicht hätte ich dabei nicht so schelmisch lachen sollen. Sie lehnte meinen fast ernst gemeinten Vorschlag mit einem Schmunzeln ab.
‚Schade' dachte ich mir, und setzte meine Reise wie geplant fort. Die schnell herannahende Gewitterfront riss mich aus meinen Träumereien.

 Auf der polnischen Oderseite wechselten sich Blitz und Donner in immer kürzer werdenden Abständen ab. Noch trennte uns der breite Fluß. Die Gewitterböen nahmen an Heftigkeit zu. Ein schützender Unterstand war nicht in Sicht. Ich trat noch kräftiger in die Pedalen und erreichte das kleine Dorf Neubleyen, und eine Gaststätte. Es war eine der Dorfkneipen, die heute nur noch vereinzelnd aufzuspüren sind. Den Wirt, der an der Zapfanlage hinter dem Tresen stand, fragte ich, ob noch ein Zimmer frei wäre. Als er dies bejahte, brachte ich schnell meine Taschen in Sicherheit. Das Rad konnte ich in einem Schuppen hinter der Gaststätte unterbringen. In dem Augenblick öffnete sich der Himmel und die Temperatur rutschte in den Keller.06.06.2017-Elbe-Oder-Tour-2017 800x450_www.luis-steiner.de Binnen Sekunden war die Straße, die ich vor wenigen Minuten noch schwitzend befahren hatte, überflutet. Was hatte ich diesmal für ein Schwein gehabt.
 Mein Gepäck schleppte ich auf der schmalen, steilen Treppe nach oben. Das Zimmer war einfach eingerichtet aber sauber. Beim Öffnen der Schrankschublade hielt ich plötzlich nur die Frontpartie in der Hand, der Rest weigerte sich, aus seinem Versteck zu kommen. Ich musste laut auflachen. Die Dusche hatte sofort heisses Wasser, und wenn man sich etwas geschickt anstellte, konnte man auch einen der wenigen dünnen Strahlen erhaschen. Mein Pech war, ich stand nachher zwar fertig geduscht und haaregewaschen da, leider ohne Handtuch. Ich band mir meine dünne Jacke um die Hüfte und ging nach unten in den Schankraum. Die Köchin und wahrscheinlich auch Frau vom Kneipenwirt, erkannte die Stuation sofort, und eilte mir mit einem Stapel frischer Handtücher entgegen. Zum fertig Abtrocknen ging ich auf mein Zimmer zurück.
 Mit trockenen Klamotten und nassen Haaren ging ich wieder runter zum Essen. Die Kneipe mochte aussehen, wie sie wollte, vom Kochen hatte man auf jeden Fall Ahnung. 06.06.2017-Elbe-Oder-Tour-2017 800x450_www.luis-steiner.deIch setzte mich an einem Tisch dazu, wo bereits zwei andere Radlern saßen. Beide kamen aus Sachsen und dienten bei der Asche. So nannte man den Dienst bei der (NVA), der Nationalen Volksarmee. Als die Ehefrau vom Älteren sich zu uns setzen wollte, blieb sie stehen und fotografierte das Bild über unseren Köpfen. Neugierig drehte ich mich um und betrachtete das große kupferfarbene Gemälde. Ich konnte aus meiner Perspektive nichts, außer einigen zusammenhanglosen roten Linien erkennen. Als Sandro, der Jüngere mich fragte, ob ich wüsste, was dieses Bild zu bedeuten hätte, musste ich verneinen. „Dann steh mal auf und betrachte es aus einiger Entfernung. Unter Umständen fällt dir dazu etwas ein. Uns", und dabei schubste er seinen Nachbarn an, „hatte man das jahrzehntelang eingebrannt." Bei genauerer Betrachtung erkannte ich zwar mehrere dicke dunkelrote bogenförmige Pfeile die sich wie Fangarme, scheinbar nur auf einen Punkt konzentrierten. Es stellte den Vormarsch der Roten Armee dar, die 1945 die Oderlinie überschritt, und sich auf Berlin zubewegte um sich dort zu vereinen.

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